Was ist ein Hirnaneurysma-Screening?

Ein Hirnaneurysma ist eine geschwächte, ballonartige Aussackung in einer der Arterien, die das Gehirn mit Blut versorgen. Sie wächst meist still, verursacht keine Beschwerden, und ein Mensch kann jahrelang leben, ohne von ihrer Existenz zu wissen. Wenn sie jedoch reißt, ändert sich das Bild dramatisch: Es kommt zu einer Blutung im Schädelinneren (Subarachnoidalblutung), und die Folgen sind oft verheerend. Etwa 50 % der Patienten mit einem geplatzten Hirnaneurysma sterben, 25 % bleiben dauerhaft behindert, und nur 25 % erholen sich gut.

Das Hirnaneurysma-Screening ist eine bildgebende Untersuchung, die bei Hochrisikopersonen ohne Symptome durchgeführt wird, um diesen stillen Ballon zu entdecken, bevor er reißt. In der neurochirurgischen Praxis wird das Screening sorgfältig auf ausgewählte Personen beschränkt – basierend auf Familiengeschichte, genetischen Erkrankungen oder bestimmten Risikogruppen.

Warum wird das Hirnaneurysma-Screening nicht bei allen durchgeführt?

Dies ist eine der häufigsten Fragen aus der Bevölkerung. „Wenn es so gefährlich ist, warum wird dann nicht jeder untersucht?“ – ein natürlicher Gedanke. Die Antwort lautet: Ein Screening ist nur dann sinnvoll, wenn der Nutzen den Schaden überwiegt.

In der Allgemeinbevölkerung treten Hirnaneurysmen bei etwa 2-3 % der Menschen auf, und die überwiegende Mehrheit dieser Aneurysmen reißt nie und bleibt ein Leben lang stumm. Ein Screening der Allgemeinbevölkerung verursacht einen Nettoschaden, da kleine Aneurysmen eine sehr niedrige jährliche Rupturrate haben (0,05 %), die Behandlung eines entdeckten Aneurysmas mit eigenen Risiken verbunden ist und das Wissen „in meinem Kopf ist ein Aneurysma“ eine erhebliche psychische Belastung darstellt.

Mit anderen Worten: Ein Screening rettet Leben, wenn es bei der richtigen Person durchgeführt wird, kann aber bei wahlloser Anwendung unnötige Ängste, unnötige Eingriffe und sogar Schlaganfallrisiken erzeugen. Aus diesem Grund verfolgen Neurochirurgen einen selektiven Screening-Ansatz.

Wer sollte ein Hirnaneurysma-Screening erhalten?

Nach den aktuellen Leitlinien sind die wichtigsten Gruppen, für die ein Screening empfohlen wird:

1. Personen mit ausgeprägter Familiengeschichte

Bei Personen, die zwei oder mehr Verwandte ersten Grades (Mutter, Vater, Geschwister, Kind) mit einem geplatzten Aneurysma (Subarachnoidalblutung) oder einem nicht gerissenen intrakraniellen Aneurysma haben, liegt das Risiko, selbst ein Aneurysma zu tragen, bei etwa 8 %; dies ist deutlich höher als die 1,8 % in der Allgemeinbevölkerung, und das Screening bringt in dieser Gruppe einen klaren Nutzen. Die Geschichte eines Geschwisters, das in jungen Jahren (z. B. in den 30ern oder 40ern) an einem Aneurysma verstorben ist, gilt als starker Hinweis, der ein Screening unterstützt.

Wenn nur ein einziger Verwandter ersten Grades eine Aneurysma-Vorgeschichte hat, ist die Entscheidung individueller. Bei Personen mit nur einem Verwandten ersten Grades mit einem Aneurysma liegt die Wahrscheinlichkeit, selbst eines zu tragen, bei etwa 4 %, insbesondere wenn zusätzliche Risikofaktoren vorliegen (weibliches Geschlecht, Rauchen, Bluthochdruck, Alter über 50), und ein Screening kann in Betracht gezogen werden.

2. Personen mit polyzystischer Nierenerkrankung (ADPKD)

Die autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung bringt eine genetische Bindegewebskomponente mit sich, die auch die Hirngefäße betrifft. Bei Personen mit ADPKD, die zusätzlich eine familiäre Vorgeschichte von Hirnaneurysmen haben, steigt das Risiko, ein Aneurysma zu tragen, auf 16-23 %; aus diesem Grund wird ein Screening empfohlen. Selbst bei Personen mit ADPKD ohne Familiengeschichte liegt das Risiko zwischen 6-11 %, und ein Screening sollte sorgfältig erwogen werden.

3. Personen mit bestimmten genetischen Erkrankungen

Bei einigen seltenen Erkrankungen wie dem Ehlers-Danlos-Syndrom Typ IV, der mikrozephalen osteodysplastischen primordialen Kleinwuchsform (mit einer Aneurysma-Prävalenz von bis zu 52 %), der Aortenisthmusstenose (10,3 %) oder der bikuspiden Aortenklappe ist das Risiko eines Hirnaneurysmas deutlich erhöht, und ein Screening wird relevant. Auch das Marfan-Syndrom und die fibromuskuläre Dysplasie gehören zu den Erkrankungen, die die Gefäßstruktur beeinflussen.

4. Personen mit zurückliegender Behandlung eines Hirnaneurysmas

Bei Patienten, deren Aneurysma behandelt wurde, ist das Risiko, im Laufe der Zeit ein neues Aneurysma zu entwickeln oder in den verbleibenden Gefäßen weitere Aneurysmen zu haben, höher als in der Allgemeinbevölkerung; auch diese Personen werden regelmäßig bildgebend kontrolliert.

Wie wird das Screening durchgeführt?

Beim Hirnaneurysma-Screening werden drei Methoden eingesetzt; die bevorzugte Methode für ambulante Screenings ist jedoch eine, die strahlungsfrei ist und kein intravenöses Kontrastmittel erfordert.

MR-Angiographie (MRA) – erste Wahl. Die MRA ist die bevorzugte Methode für das Erstscreening; sie weist eine gepoolte Sensitivität von 95 % und eine Spezifität von 89 % auf und erkennt insbesondere Aneurysmen größer als 3-5 mm mit hoher Genauigkeit. Mit 3-Tesla-MRT-Geräten durchgeführte MRA verbessert auch die Erkennung kleinerer Aneurysmen. In den meisten Fällen kann eine Screening-MRA ohne Kontrastmittel durchgeführt werden; dies macht sie zu einer sicheren Option. Die Untersuchung dauert 20-30 Minuten, ist schmerzfrei und kommt ohne Strahlung aus.

CT-Angiographie (CTA). Wird bevorzugt, wenn eine MRT nicht möglich ist (Herzschrittmacher, schwere Klaustrophobie, bestimmte metallische Implantate usw.). Sie ist schnell, jedoch mit Strahlenbelastung und intravenösem Kontrastmittel verbunden.

Digitale Subtraktionsangiographie (DSA). Dies ist die „Goldstandard“-Methode, die mit einem Katheter durch die Leiste in die Hirngefäße vorgeschoben wird; sie ist jedoch invasiv und birgt ein eigenes Schlaganfallrisiko. Aus diesem Grund ist sie nicht die erste Wahl für das Screening; sie wird eingesetzt, wenn die MRA oder CTA verdächtige Befunde liefert oder wenn eine Behandlung geplant wird.

Was passiert nach dem Screening?

  • Wenn kein Aneurysma gefunden wird: Bei Personen mit ausgeprägter Familiengeschichte ist das Screening keine einmalige Untersuchung. Selbst wenn das Erstscreening normal ist, besteht ein hohes Risiko, 5 Jahre später ein neues Aneurysma zu entwickeln; daher kommt ein wiederholtes Screening in regelmäßigen Abständen in Betracht.
  • Wenn ein kleines Aneurysma gefunden wird (im Allgemeinen <5-7 mm): Es wird in der Regel nicht sofort behandelt. Wachstum oder Formveränderung werden durch regelmäßige MRA-Kontrollen überwacht.
  • Wenn ein großes, verdächtiges oder wachsendes Aneurysma gefunden wird: Das Team der Neurochirurgie/interventionellen Neuroradiologie wird einbezogen. Die Behandlungsoptionen fallen in zwei Hauptkategorien: endovaskuläre Verfahren, die über die Gefäße durchgeführt werden (Coiling, Flow-Diverter-Stents), oder Clipping durch offene Operation. Welche Methode geeignet ist, hängt von Lage, Form und Größe des Aneurysmas sowie vom Allgemeinzustand des Patienten ab.

Was vor dem Screening zu wissen ist

Vor der Empfehlung eines Screenings besprechen Neurochirurgen folgende Themen mit dem Patienten: Wichtige Aspekte sind die Folgen eines positiven Befundes für den Besitz eines Führerscheins oder einer Pilotenlizenz, die Auskunftspflicht bei Lebensversicherungsanträgen sowie die Frage, ob der Patient über „Zufallsbefunde“ (andere auffällige Befunde, die nichts mit dem Aneurysma zu tun haben) informiert werden möchte, die in der Bildgebung auftauchen können.

Wichtig ist auch dieser Punkt: Das Screening schließt nicht jedes Aneurysma zu 100 % aus. Sehr kleine Aneurysmen können übersehen werden; daher ist die Nachsorge bei Hochrisikopersonen ein fortlaufender Prozess.

Beeinflussbare Risikofaktoren

Die Faktoren, die bei der Entstehung und insbesondere beim Reißen eines Aneurysmas eine Rolle spielen und in der Kontrolle des Einzelnen liegen, sind:

  • Rauchen (der stärkste beeinflussbare Risikofaktor – vervielfacht das Rupturrisiko)
  • Bluthochdruck (unkontrollierte Hypertonie erhöht das Wachstum und das Rupturrisiko)
  • Starker Alkoholkonsum
  • Konsum stimulierender Drogen (Substanzen wie Kokain und Amphetamine verursachen plötzliche Blutdruckspitzen)

Faktoren wie Familiengeschichte, Alter, Geschlecht und Genetik sind nicht veränderbar, aber die oben genannten sind es. Wenn Sie aus einer Hochrisikofamilie stammen, kann das Aufhören mit dem Rauchen und eine strenge Blutdruckkontrolle einen Schutz bieten, der sogar stärker ist als der durch das Screening selbst gewährte.

Fazit: Wann sollte man einen Neurochirurgen aufsuchen?

Wenn eine der folgenden Situationen auf Sie zutrifft, ist es sinnvoll, die Notwendigkeit eines Screenings mit einem Neurochirurgen oder Neurologen zu besprechen:

  • Wenn zwei oder mehr Ihrer Verwandten ersten Grades eine Vorgeschichte von Hirnaneurysmen oder Hirnblutungen haben
  • Wenn jemand in Ihrer Familie in jungem Alter (unter 50) an einer Hirnblutung verstorben ist
  • Wenn Sie eine polyzystische Nierenerkrankung haben
  • Wenn Sie eine Bindegewebserkrankung wie das Ehlers-Danlos- oder Marfan-Syndrom haben
  • Wenn Sie zuvor wegen eines Hirnaneurysmas behandelt wurden

Es sollte nicht vergessen werden, dass das Hirnaneurysma-Screening kein „Angsttest“ ist; es ist ein Werkzeug, das bei der richtigen Person Leben rettet und bei der falschen Person unnötige Ängste schürt. Aus diesem Grund ist die Entscheidung immer individuell und muss gemeinsam mit einem erfahrenen Arzt getroffen werden.


Dieser Artikel dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Um einen individuellen Screening-Plan für Ihre Situation zu erstellen, wenden Sie sich bitte an einen Facharzt für Neurochirurgie, Neurologie oder interventionelle Neuroradiologie.