Einer der häufigsten Sätze, den unsere Patienten sagen, wenn sie mit Nacken-, Schulter- oder Rückenschmerzen in unsere Praxis kommen, lautet: „Herr Doktor, bei mir wurde eine Steilstellung des Halses festgestellt.“ Dieser Zustand – der sich oft durch starke Kopfschmerzen, in die Arme ausstrahlende Taubheitsgefühle oder das morgendliche Aufwachen mit einem steifen Nacken äußert – ist eines der am weitesten verbreiteten Wirbelsäulenprobleme der modernen Zeit. Was geschieht also genau, dass unser Hals seine natürliche, gesunde Struktur verliert und sich „begradigt“? Um die Antwort auf diese Frage zu verstehen, müssen wir zunächst einen kurzen Blick auf die bemerkenswerte Architektur unseres Halses werfen.
Wie sieht ein gesunder Hals aus?
Von der Seite betrachtet verläuft die menschliche Wirbelsäule nicht wie eine kerzengerade Säule. In unserem Halsbereich (Halswirbelsäule) befindet sich typischerweise eine leichte, nach vorne gerichtete Krümmung in Form des Buchstabens „C“. Diese natürliche Krümmung, die wir in der Medizin Halslordose nennen, wirkt als perfekter Stoßdämpfer und verteilt das Gewicht des Kopfes (im Durchschnitt 4–5 Kilogramm) gleichmäßig auf die Wirbel und Bandscheiben.
Was wir als Steilstellung des Halses bezeichnen, ist genau das allmähliche Verschwinden dieser lebenswichtigen „C“-Krümmung; der Hals verliert seinen anatomischen Winkel und wird nahezu so gerade wie ein Stab. Geht die Krümmung verloren, lastet das Gewicht Ihres Kopfes vervielfacht auf Ihren Nackenmuskeln und Ihrer Wirbelsäule. Wussten Sie, dass die Belastung Ihrer Wirbelsäule bei jeder Vorneigung des Halses um 15 Grad auf etwa 12–15 Kilogramm ansteigt?
Die grundlegenden Ursachen, die diesem mechanischen Zusammenbruch zugrunde liegen, sind folgende:
Die Epidemie der modernen Zeit: „Handynacken“ und schlechte Haltung
Der Hauptverantwortliche dafür, dass die Steilstellung des Halses heute so verbreitet ist, sind Haltungsfehler.
Die Nutzung von Smartphones und Tablets ist der wichtigste Auslöser dieses Bildes; den Kopf beim Blick auf den Bildschirm ständig nach vorne geneigt zu halten, überdehnt die Nackenmuskulatur und verändert mit der Zeit die Ausrichtung der Wirbelsäule. Bei der Schreibtischarbeit wiederum löscht ein Monitor unterhalb der Augenhöhe, das Zusammensacken im Stuhl oder das Arbeiten mit nach vorne hängenden Schultern auf Dauer die Halskrümmung aus. Hinzu kommen falsche Schlafpositionen: Das Schlafen mit Kissen, die zu hoch, zu hart sind oder die Mulde des Nackens nicht stützen, fixiert die Wirbelsäule die ganze Nacht in einer ihrer Anatomie widersprechenden Stellung.
Frühere Verletzungen und Unfälle
Plötzliche Nackenbewegungen, die als „Schleudertrauma“ (Whiplash) bekannt sind und besonders bei Auffahrunfällen auftreten, gehören zu den häufigsten körperlichen Ursachen der Steilstellung des Halses. Das plötzliche und unkontrollierte Vor- und Zurückschleudern des Halses verursacht ernsthafte Schäden an Muskeln, Bändern und Gelenken. Um diesen geschädigten Bereich zu schützen, spannt der Körper die Muskeln heftig an (Spasmus). Dieser chronische Spasmuszustand begradigt mit der Zeit die natürliche Krümmung der Wirbelsäule. Dasselbe gilt für Verletzungen infolge von schwerem Heben, einer ungünstigen Sportbewegung oder Stürzen.
Altersbedingte Degeneration (Verkalkung)
Genau wie unser Haar ergraut, altert auch unsere Wirbelsäule. Mit den Jahren verlieren die Bandscheiben, die als Polster zwischen den Wirbeln dienen, ihren Wassergehalt, werden dünner und büßen ihre Elastizität ein. Dieser Verschleißprozess, der in der Medizin als zervikale Spondylose (Verkalkung des Halses) bezeichnet wird, bereitet den Boden dafür, dass die Wirbelsäule in sich zusammensinkt und die Halskrümmung ihre natürliche Struktur verliert und sich begradigt.
Stress und emotionale Anspannung
Psychischer Stress hat unmittelbare körperliche Folgen. Wenn wir unter intensivem Stress, Angst und Druck stehen, spannt unser Körper als Abwehrmechanismus seine Muskeln an. Die Bereiche, die sich am stärksten anspannen, sind die Nacken-, Schulter- und Rückenmuskeln (Trapezmuskel). Chronischer Stress führt dazu, dass diese Muskeln dauerhaft angespannt bleiben. Ständig angespannte Muskeln ziehen an den Wirbelknochen – ganz so, wie ein gespannter Bogen seinen Pfeil zurückzieht – und verwandeln mit der Zeit jene natürliche „C“-Krümmung in eine schnurgerade Linie.
Warum sollte die Steilstellung des Halses ernst genommen werden?
Die Steilstellung des Halses ist nicht bloß ein ästhetisches Haltungsproblem oder ein einfacher Muskelschmerz. Da das natürliche Stoßdämpfersystem zusammengebrochen ist, beginnt ein abnormaler Druck auf die Bandscheiben zwischen den Wirbeln zu lasten. Wird dieser Zustand nicht behandelt und werden keine Änderungen des Lebensstils vorgenommen, lädt dieser zunehmende Druck ein weitaus ernsteres neurologisches Problem ein – einen Bandscheibenvorfall im Nacken (zervikale Diskushernie). Wenn die Bandscheiben reißen und auf die Nerven drücken, kann dies zu Kraftverlust in den Armen, dauerhaften Taubheitsgefühlen und Schmerzen führen, die die Lebensqualität auf null reduzieren.
Was sollten Sie tun?
Wenn Sie häufig unter Nacken- und Schulterschmerzen leiden, morgens müde aufwachen oder ein Kribbeln in den Armen verspüren, tun Sie dies nicht mit den Worten „das geht schon vorbei“ ab. Die Steilstellung des Halses ist ein Zustand, der bei früher Erkennung durch geeignete ergonomische Anpassungen, individuell abgestimmte physiotherapeutische Übungen und medizinische Unterstützung unter Kontrolle gebracht werden kann.
Für eine sichere Diagnose und einen auf den Zustand Ihrer Wirbelsäule abgestimmten Behandlungsplan ist die Untersuchung durch einen Facharzt für Neurochirurgie der wichtigste Schritt, den Sie für die Zukunft Ihrer Wirbelsäulengesundheit unternehmen können.
Prof. Dr. Mehmet Şenoğlu — Facharzt für Neurochirurgie, İzmir
Medizinischer Haftungsausschluss: Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen ausschließlich der Information und ersetzen weder die Untersuchung durch einen Facharzt noch eine medizinische Diagnose oder Behandlung. Für eine sichere Diagnose und einen auf Sie zugeschnittenen Behandlungsplan im Hinblick auf Ihre Beschwerden wenden Sie sich bitte an einen Facharzt für Neurochirurgie.