Hallo,
ich bin Prof. Dr. Mehmet Şenoğlu, Facharzt für Neurochirurgie. In meiner täglichen Praxis sind die Fragen, die ich am häufigsten von meinen Patienten und ihren Angehörigen höre, meist folgende: „Herr Doktor, wie hoch ist das Risiko dieser Operation?“, „Was erwartet uns nach dem Eingriff?“, „Werde ich wieder so sein wie früher?“
Tatsächlich ist das Pendant all dieser Fragen – die unsere Patienten aus berechtigter Sorge stellen – in der medizinischen Welt der Begriff „Morbidität“. Das Wort mag etwas fremd, fachlich und sogar beängstigend klingen. Doch sobald man den medizinischen Fachjargon beiseitelässt, trägt es eine vollkommen verständliche Bedeutung, die Sie um Ihrer eigenen Gesundheit willen unbedingt kennen sollten.
In diesem Artikel werde ich – ohne in Fachbegriffen zu ertrinken – in Alltagssprache erklären, was Morbidität ist und warum sie von lebenswichtiger Bedeutung ist.
Was genau ist Morbidität?
Morbidität bezeichnet die Fähigkeit einer Krankheit oder eines durchgeführten Behandlungsverlaufs, „eine Person krank zu machen, Beschwerden zu verursachen oder zu einem Funktionsverlust zu führen“.
Kurz zusammengefasst ist Morbidität ein Maß dafür, wie häufig die Beschwerden, Schmerzen, Bewegungseinschränkungen, Gedächtnisprobleme oder vorübergehenden bzw. dauerhaften Kraftverluste, die nach einer Erkrankung oder Operation auftreten können, tatsächlich vorkommen. Sie bedeutet keineswegs „Tod“; der Begriff, der die Sterblichkeitsrate ausdrückt, ist „Mortalität“. Die Morbidität hingegen ist eher die Antwort auf folgende Frage: „Sie überleben – aber wie stark und wie lange wird Ihre Lebensqualität durch diesen Zustand beeinträchtigt?“
Geben wir ein konkretes Beispiel. Nehmen wir an, Sie unterziehen sich einer Hirntumoroperation. Sie überstehen den Eingriff komplikationslos und der Tumor wird erfolgreich entfernt (das heißt, das Mortalitäts-/Sterberisiko tritt nicht ein). In den 3–4 Wochen nach der Operation leiden Sie jedoch unter Kopfschmerzen, einer vorübergehenden Schwäche im Arm oder einem leichten Gedächtnisproblem. Genau dieser Genesungsprozess, den Sie durchlaufen, und die vorübergehenden Beschwerden, die Sie erleben, sind Teil des Bildes der Morbidität.
Warum ist die Morbidität in der Neurochirurgie so wichtig?
Unser Gehirn ist zweifellos das empfindlichste und komplexeste Organ des menschlichen Körpers. Da jeder chirurgische Eingriff zwangsläufig den Kontakt mit Nervengewebe erfordert, bringt er ein gewisses Risiko der Morbidität (funktionelle Beeinträchtigung) mit sich.
Doch hier haben wir eine gute Nachricht: Dank des Standes, den die moderne Medizin und Technik erreicht haben, können wir diese Risiken heute in ganz erheblichem Maße senken.
Dank der Technologien der Mikrochirurgie und der Neuronavigation können wir die Läsion oder den Tumor im Gehirn mit millimetergenauer Präzision erreichen, ohne das umliegende Gewebe zu schädigen. Mit dem intraoperativen Neuromonitoring können wir die kritischen Hirnregionen während der Operation in Echtzeit und elektrisch überwachen und so mögliche Nervenschäden verhindern, bevor sie überhaupt entstehen. Bei der Wachkraniotomie (Awake Surgery) wiederum halten wir – besonders bei Tumoren in der Nähe der Sprach- und Bewegungszentren – unseren Patienten wach, während wir den chirurgischen Eingriff durchführen, und reduzieren so die Funktionsverluste (die Morbidität) auf ein Minimum.
Heute liegt die Rate der dauerhaften Morbidität in gut ausgestatteten Zentren und in erfahrenen Händen bei Operationen wie Meningeom, Hypophysenadenom oder niedriggradigem Gliom im Durchschnitt bei etwa 2–5 %. Mit anderen Worten: Rund 95 bis 98 von 100 Patienten können in der postoperativen Phase gesund in ihr tägliches, normales Leben zurückkehren.
Verwechseln Sie Morbidität nicht mit Mortalität
Es gibt einen Dialog, dem ich in meiner Praxis sehr häufig begegne. Der Patient fragt aus berechtigter Sorge: „Herr Doktor, wie hoch ist das Risiko, bei dieser Operation auf dem Tisch zu sterben?“
Meine Antwort auf diese Frage lautet meist folgendermaßen: „Unter heutigen Bedingungen ist das Sterberisiko (die Mortalität) äußerst gering; das eigentliche Thema, auf das wir uns konzentrieren und über das wir sprechen müssen, sind die funktionellen Risiken – also die Morbidität.“ Denn das grundlegende Ziel der modernen Neurochirurgie besteht nicht nur darin, den Patienten am Leben zu erhalten, sondern ihm beim Aufwachen die höchstmögliche Lebensqualität bieten zu können.
Was sollten Sie als Patient oder Angehöriger tun?
Bevor Sie die Entscheidung zur Operation treffen, sorgen Sie für eine offene Kommunikation, indem Sie den gesamten Ablauf transparent mit Ihrem Arzt besprechen. Scheuen Sie sich nicht, die richtigen Fragen zu stellen: Fragen wie „Welche Beschwerden treten nach dieser Operation am häufigsten auf?“, „Wie lange dauert der Genesungsprozess?“ und „Besteht das Risiko eines vorübergehenden oder dauerhaften Schadens?“ helfen Ihnen, alle Dimensionen des Prozesses zu verstehen. Zu Ihrer eigenen Beruhigung ist es Ihr selbstverständliches Recht, eine zweite Meinung (Second Opinion) bei einem anderen Facharzt einzuholen. Und schließlich: Schieben Sie die Rehabilitation nicht auf; ein frühzeitiger Beginn der nach der Operation empfohlenen Rehabilitationsprogramme (Physiotherapie, Logopädie oder neuropsychologische Unterstützung) ist der wirksamste Weg, um die Auswirkungen der Morbidität auf ein Minimum zu reduzieren.
Schlusswort
Morbidität ist kein Wort, vor dem Sie sich fürchten sollten, wenn Sie es hören; im Gegenteil, sie ist ein überaus wertvoller Kompass, der es Ihnen ermöglicht, fundierte Entscheidungen über Ihre eigene Gesundheit zu treffen.
Das größte Ziel von uns Neurochirurgen besteht nicht nur darin, unsere Patienten am Leben zu erhalten, sondern ihre Lebensqualität zu bewahren und zu verbessern und dafür zu sorgen, dass sie gesunde Jahre mit ihren Liebsten verbringen. Wenn Sie oder einer Ihrer Angehörigen ein gesundheitliches Problem haben, das die Neurochirurgie betrifft, können Sie sich an unsere Klinik wenden, um Ihre Situation zu beurteilen und Ihre Fragen ausführlich zu beantworten.
Bleiben Sie gesund …
Prof. Dr. Mehmet Şenoğlu — Facharzt für Neurochirurgie, İzmir
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information. Anatomie, Krankengeschichte und Krankheitsverlauf sind bei jedem Patienten unterschiedlich. Für eine sichere Diagnose, Risikobewertung und Behandlungsplanung wenden Sie sich bitte unbedingt an einen Facharzt.