Eine im Gehirn festgestellte Raumforderung definitiv diagnostizieren zu können, ist der kritischste Schritt der Behandlungsplanung. Nicht jede Hirnraumforderung ist für eine chirurgische Entfernung geeignet; die Lage und Größe der Raumforderung oder der Allgemeinzustand des Patienten erlauben möglicherweise keinen offenen chirurgischen Eingriff. An dieser Stelle kommt die stereotaktische Hirnbiopsie als unverzichtbares diagnostisches Instrument in der neurochirurgischen Praxis zum Einsatz.
In diesem Artikel werde ich versuchen zu erklären, was eine stereotaktische Hirnbiopsie ist, in welchen Situationen sie bevorzugt wird, wie der Eingriff durchgeführt wird, und die grundlegenden Fragen zu beantworten, die unsere Patienten beschäftigen.
Was ist eine stereotaktische Hirnbiopsie?
Die stereotaktische Hirnbiopsie ist das Verfahren, bei dem durch ein kleines, in den Schädel gebohrtes Loch (Bohrloch, Burr Hole) und unter Verwendung eines computergestützten Koordinatensystems eine Probe aus dem Zielgewebe im Gehirn entnommen wird. Der Begriff „stereotaktisch“ bedeutet die Bestimmung eines Punktes im dreidimensionalen Raum mit millimetergenauer Präzision. Dank dieser Methode kann der Chirurg eine Gewebeprobe entnehmen, indem er die Läsion im Gehirn auf dem kürzesten und sichersten Weg erreicht.
Die gewonnene Gewebeprobe wird im pathologischen Labor untersucht, und der Typ, der Grad (Grading) sowie die molekularen Eigenschaften der Raumforderung werden bestimmt. Diese Informationen spielen eine entscheidende Rolle bei der Erstellung eines patientenspezifischen Behandlungsplans – Chemotherapie, Strahlentherapie, zielgerichtete Therapie oder Beobachtung.
In welchen Situationen wird eine stereotaktische Biopsie durchgeführt?
Die stereotaktische Hirnbiopsie wird in den folgenden klinischen Szenarien häufig bevorzugt:
Tief gelegene Läsionen: Sie ist ideal für Raumforderungen in Regionen, die mit offener Chirurgie nur risikoreich zu erreichen sind, wie Thalamus, Basalganglien und Hirnstamm.
Läsionen in eloquenten (funktionellen) Arealen: Bei Raumforderungen in der Nähe der Sprach-, Motorik- oder Sehzentren bietet die Biopsie eine sichere Alternative in Fällen, in denen die offene Chirurgie ein Risiko neurologischer Schädigung birgt.
Multifokale Läsionen: Wenn gleichzeitig Läsionen in mehr als einer Hirnregion festgestellt werden, ist es möglicherweise nicht möglich, sie alle zu entfernen. Zu diagnostischen Zwecken wird eine Probe aus der am besten geeigneten Läsion entnommen.
Patienten, deren Allgemeinzustand für eine chirurgische Resektion ungeeignet ist: Sie wird bei Patienten bevorzugt, die einen großen chirurgischen Eingriff aufgrund von fortgeschrittenem Alter, begleitenden systemischen Erkrankungen oder einem niedrigen Leistungsstatus (Performance-Score) nicht tolerieren können.
Lymphomverdacht: In Fällen, in denen ein primäres Lymphom des zentralen Nervensystems vermutet wird, ist eine Biopsie zur Bestätigung der Diagnose ausreichend, da der Behandlungsansatz eher Chemotherapie und Strahlentherapie als Chirurgie ist.
Läsionen, bei denen radiologisch keine definitive Diagnose gestellt werden kann: In Fällen, in denen die MRT-Befunde keine Unterscheidung zwischen Infektion, demyelinisierender Erkrankung, Tumor oder Radionekrose zulassen, wird eine histopathologische Diagnose zwingend erforderlich.
Vorbereitung vor dem Eingriff
Patienten, bei denen eine stereotaktische Biopsie geplant ist, durchlaufen vor dem Eingriff eine umfassende Untersuchung:
Zunächst wird eine aktuelle, dünnschichtige Hirn-MRT durchgeführt. Neben kontrastverstärkten und nativen Serien werden bei Bedarf auch MR-Spektroskopie-, Diffusions- und Perfusionsstudien gewonnen. Diese Bilder sind für die genaue Bestimmung des Ziels und für die Wegplanung von entscheidender Bedeutung.
Mit Bluttests werden die Gerinnungsparameter kontrolliert. Patienten, die blutverdünnende Medikamente einnehmen, müssen diese Medikamente innerhalb eines vom Chirurgen festgelegten Zeitraums in geeigneter Weise absetzen.
Vom Anästhesieteam wird eine präoperative Untersuchung durchgeführt. Der Eingriff kann unter Vollnarkose oder mit Sedierung in Begleitung einer örtlichen Betäubung durchgeführt werden; diese Entscheidung wird je nach Zustand des Patienten und Präferenz des Chirurgen getroffen.
Wie wird der Eingriff durchgeführt?
Die stereotaktische Hirnbiopsie wird heute mit zwei grundlegenden Methoden durchgeführt:
Rahmenbasierte (Frame-Based) Stereotaxie
Dies ist die klassische und Goldstandard-Methode. Am Kopf des Patienten wird unter örtlicher Betäubung ein an vier Punkten fixierter Metallrahmen (stereotaktischer Rahmen) angebracht. Während der Rahmen angebracht ist, wird eine Computertomografie (CT) oder MRT durchgeführt. Auf diesen Bildern werden die Zielkoordinaten berechnet, und der Eintrittspunkt, der Winkel und die Tiefe der Nadel werden mit einer chirurgischen Planungssoftware millimetergenau bestimmt.
Im Operationssaal wird ein Loch von etwa 1 cm Durchmesser (Bohrloch) in den Schädel gebohrt. Die Biopsienadel wird über das Bogensystem am Rahmen zu den berechneten Koordinaten geführt, und es werden mehrere Proben aus dem Zielgewebe entnommen. Der Eingriff dauert in der Regel zwischen 45 und 90 Minuten.
Rahmenlose (Frameless) Neuronavigationsmethode
Bei dieser Methode, die sich mit dem Fortschritt der Technologie verbreitet hat, wird kein Rahmen am Kopf des Patienten angebracht. Die vor der Operation aufgenommenen MRT-Bilder werden in das Neuronavigationssystem im Operationssaal hochgeladen. Indem die oberflächlichen anatomischen Referenzpunkte des Patienten mit den Bildern abgeglichen werden (Registrierung), kann der Chirurg die Nadelposition in Echtzeit auf dem Bildschirm verfolgen.
Beide Methoden weisen eine hohe Genauigkeitsrate auf. Die Zielgenauigkeit liegt bei rahmenbasierten Systemen bei 1–2 mm und bei rahmenlosen Systemen bei 2–3 mm.
Der Verlauf nach dem Eingriff
Nach dem Biopsieeingriff wird der Patient einige Stunden unter engmaschiger Beobachtung gehalten. In der Regel wird 4–6 Stunden nach dem Eingriff eine Kontroll-CT des Gehirns durchgeführt, um eine mögliche Blutung zu beurteilen.
Die meisten Patienten können innerhalb von 1–2 Tagen nach dem Eingriff entlassen werden. Leichte Kopfschmerzen gelten als normal und können mit einfachen Schmerzmitteln kontrolliert werden. Der kleine Hautschnitt an der Eingriffsstelle wird in der Regel mit einigen Nähten verschlossen, und die Fäden werden nach 7–10 Tagen gezogen.
Das Pathologieergebnis liegt bei einer histopathologischen Standarduntersuchung in der Regel innerhalb von 5–7 Werktagen vor. Wenn molekulare Tests erforderlich sind, kann sich dieser Zeitraum auf 2–3 Wochen verlängern. Nachdem das Ergebnis vorliegt, wird der Behandlungsplan des Patienten in einem multidisziplinären Tumorboard (Hirntumorkonferenz) beurteilt und die endgültige Behandlungsstrategie festgelegt.
Risiken und Komplikationen
Wie bei jedem chirurgischen Eingriff bestehen auch bei der stereotaktischen Biopsie bestimmte Risiken; diese Risiken sind jedoch im Vergleich zur offenen Hirnchirurgie deutlich geringer.
Blutung (Hämorrhagie): Dies ist die wichtigste Komplikation. Die Rate klinisch relevanter Blutungen wird in der Literatur mit 1–3 % angegeben. Eine sorgfältige Wegplanung, die Gefäßstrukturen meidet, minimiert dieses Risiko.
Infektion: Tritt in weniger als 1 % der Fälle auf. Durch sterile Technik und die Gabe prophylaktischer Antibiotika wird das Risiko gering gehalten.
Neurologisches Defizit: Wenn der Nadelweg durch kritische Strukturen verläuft, kann ein vorübergehender oder dauerhafter neurologischer Ausfall auftreten. Dieses Risiko liegt dank moderner Planungssoftware auf recht niedrigem Niveau.
Diagnostische Unzulänglichkeit: Die Wahrscheinlichkeit, dass das gewonnene Gewebe nicht diagnostisch verwertbar ist, liegt zwischen 5 und 10 %. In diesem Fall können eine erneute Biopsie oder alternative Diagnoseverfahren in Betracht gezogen werden.
Häufig gestellte Fragen
„Werde ich während des Eingriffs Schmerzen verspüren?“
Bei unter Vollnarkose durchgeführten Eingriffen verspüren Sie keinerlei Schmerzen. In Fällen, in denen eine örtliche Betäubung bevorzugt wird, kann es nur während der ersten Betäubungsinjektion zu einem kurzen Stechen kommen; abgesehen davon wird der Eingriff schmerzfrei durchgeführt.
„Werden meine Haare vollständig rasiert?“
Nein. Es wird nur eine begrenzte Rasur rund um den kleinen Bereich vorgenommen, in dem der Eingriff durchgeführt wird. Über den größten Teil des Kopfes findet kein Haarverlust statt.
„Wann kann ich nach dem Eingriff in meinen Alltag zurückkehren?“
Nach einer komplikationslosen Biopsie kann die überwiegende Mehrheit unserer Patienten innerhalb von 3–5 Tagen zu ihren täglichen Aktivitäten zurückkehren. Es ist wichtig, die Empfehlungen Ihres Chirurgen hinsichtlich schwerer körperlicher Anstrengung und des Führens von Fahrzeugen zu befolgen.
„Führt eine Biopsie zur Ausbreitung der Raumforderung?“
Diese Frage wird von unseren Patienten häufig gestellt. Die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen kein signifikantes Risiko dafür, dass eine stereotaktische Biopsie eine Tumorausbreitung verursacht.
Fazit
Die stereotaktische Hirnbiopsie ist mit ihrem minimalinvasiven Charakter, ihrer hohen diagnostischen Genauigkeit und ihrer niedrigen Komplikationsrate einer der Eckpfeiler der neurochirurgischen Praxis. Die richtige Diagnose einer Raumforderung im Gehirn zu erhalten, ist die Voraussetzung dafür, die richtige Behandlung zu erhalten. Jeder Patient ist einzigartig, und Behandlungsentscheidungen sollten von einem erfahrenen Team individuell beurteilt werden.
Patienten, bei denen eine Hirnraumforderung diagnostiziert wurde oder die diesbezüglich Bedenken haben, können sich an unsere Klinik wenden, um detaillierte Informationen zu erhalten.
Dieser Artikel wurde zu allgemeinen Informationszwecken erstellt und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie für Ihre individuellen Gesundheitsentscheidungen unbedingt Ihren Arzt.
Prof. Dr. Mehmet Şenoğlu Facharzt für Neurochirurgie
Quellen:
Bernays RL, Kollias SS, Khan N, Brandner S, Meier S, Yonekawa Y. Histological yield, complications, and technological considerations in 114 consecutive frameless stereotactic biopsy procedures. Journal of Neurosurgery. 2002.
Dammers R, Haitsma IK, Schouten JW, Kros JM, Avezaat CJ, Vincent AJ. Safety and efficacy of frameless and frame-based intracranial biopsy techniques. Acta Neurochirurgica. 2008.
Meshkini A, Shahzadi S, Alikhah H, Naghavi-Behzad M. Role of stereotactic biopsy in histological diagnosis of multiple brain lesions. Asian Journal of Neurosurgery. 2013.