Sie sind einem Freund begegnet, den Sie lange nicht gesehen haben, und das Erste, was er zu Ihnen sagte, war: „Was ist mit deinen Gesichtszügen passiert, hast du dich ein wenig verändert?“ Vielleicht ist Ihnen der Ehering, den Sie seit Jahren tragen, mittlerweile zu eng am Finger, oder obwohl Sie längst erwachsen sind, beginnen Ihre Schuhe zu eng zu werden. Die meisten von uns tun solche Veränderungen mit den Worten „Ich werde älter“, „Ich nehme zu“ oder „Mein Körper lagert Wasser ein“ ab.
Doch unter dieser heimtückischen Veränderung im Spiegel, unter Ihrem breiter werdenden Kiefer oder Ihren größer werdenden Händen, könnte ein Gesundheitsproblem verborgen liegen, das sich tief in Ihrem Gehirn versteckt: die Akromegalie.
Die im Volksmund meist als „Wachstumskrankheit“ bekannte Akromegalie ist eine ernste Erkrankung, die im Laufe der Jahre Millimeter für Millimeter fortschreitet, für den Patienten und sein nahes Umfeld nur sehr schwer zu erkennen ist, aber den Körper unbehandelt von innen heraus zermürbt. Doch was haben diese Veränderungen an unseren Händen und in unserem Gesicht mit unserem Gehirn zu tun?
Der Dirigent des Körpers: die Hypophyse
Direkt hinter der Nasenwurzel, an der Schädelbasis, befindet sich eine etwa kichererbsengroße Drüse: die Hypophyse. Dieses winzige Gewebe ist die Hauptzentrale, die das gesamte Hormongleichgewicht in unserem Körper steuert – von der Schilddrüse bis zur Fortpflanzung, vom Stress bis zum Wachstum –, mit anderen Worten der Dirigent unseres Körpers.
Die Akromegalie entsteht eben dadurch, dass diese Hypophyse weitaus mehr Wachstumshormon produziert als normal. In 99 Prozent der Fälle sind die Ursache Tumoren, die sich auf der Hypophyse bilden und in der Regel vollständig gutartig sind (Hypophysenadenome).
Während die übermäßige Ausschüttung dieses Hormons im Kindesalter zu übermäßigem Längenwachstum (Riesenwuchs/Gigantismus) führt, kommt es im Erwachsenenalter nicht mehr zu Längenwachstum, da die Wachstumsfugen geschlossen sind. Stattdessen beginnen die Knochen in die Breite zu wachsen, und Hände, Füße, Gesichtsknochen und innere Organe beginnen sich zu vergrößern.
Welche Signale gibt uns die Akromegalie in unserem Körper?
Die Krankheit schreitet so langsam fort, dass das deutliche Auftreten der Symptome und die Stellung der richtigen Diagnose manchmal 7 bis 10 Jahre dauern kann. Dennoch gibt uns unser Körper tatsächlich viele Hinweise:
Formveränderungen an Händen und Füßen: Eine Zunahme der Schuhgröße, zu eng werdende Handschuhe, eine teigartige Verdickung der Hände und ein Schwellungsgefühl.
Vergröberung der Gesichtszüge: Das Hervortreten des Stirnknochens, das Vorwärtswachsen des Unterkiefers sowie die Vergrößerung von Nase und Lippen.
Zahnprobleme: Das Auseinanderweichen der Zähne infolge der Verbreiterung des Kieferknochens und eine Störung des Bisses zwischen Ober- und Unterkiefer.
Stimm- und Hautveränderungen: Eine heiser und tief werdende Stimme durch die Verdickung der Stimmbänder; übermäßige Verfettung und Verdickung der Haut sowie heftige Schweißausbrüche.
Schlafapnoe: Starkes Schnarchen und Atemaussetzer im Schlaf, die sich infolge der Vergrößerung des Gewebes in den Atemwegen entwickeln.
Sie betrifft nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern auch die inneren Organe
Die Akromegalie ist nicht nur ein ästhetisches Problem oder ein Knochenwachstum. Die eigentliche Gefahr liegt in den Schäden, die die Krankheit in den inneren Systemen des Körpers anrichtet. Das übermäßig ausgeschüttete Wachstumshormon kann eine Vergrößerung des Herzmuskels (Risiko einer Herzinsuffizienz), Bluthochdruck, hartnäckige Gelenkschmerzen sowie einen schweren Diabetes (Zuckerkrankheit) infolge der nicht durchbrechbaren Insulinresistenz verursachen.
Außerdem beginnt der an der Schädelbasis weiterwachsende Hypophysentumor, Druck auf die Sehnerven auszuüben, die direkt darüber verlaufen. Mit der Zeit bemerken die Patienten, dass sie die rechten und linken Ränder nicht mehr sehen können und dass sich ihr Gesichtsfeld verengt hat, als trügen sie „Scheuklappen“. Dies wird in der Regel von hartnäckigen, nicht abklingenden Kopfschmerzen begleitet.
Diagnose und die Goldstandard-Behandlungsmethode
Wenn Sie eines oder mehrere dieser Symptome verspüren, sollten Sie unbedingt eine Gesundheitseinrichtung aufsuchen. Die Messung der Spiegel von Wachstumshormon (GH) und IGF-1 im Blut ist der erste Schritt. Wird ein erhöhter Hormonspiegel festgestellt, werden mit einem MRT des Gehirns die Lage und Größe des Tumors klar kartiert.
Auch wenn ihre Diagnose verzögert sein mag, ist die Akromegalie heutzutage eine Krankheit, die erfolgreich behandelt werden kann.
Die wirksamste Methode und der Goldstandard in der Behandlung ist die chirurgische Entfernung des Tumors. Die von Spezialisten für Gehirn- und Nervenchirurgie (Neurochirurgie) angewandte Methode der endoskopischen transsphenoidalen Chirurgie bietet den Patienten großen Komfort.
Gehirnoperation ohne Öffnung des Schädels
Bei dieser modernen mikrochirurgischen Methode wird kein Schnitt am Schädel des Patienten vorgenommen. Mithilfe spezieller Kameras (Endoskope) und Mikroinstrumente wird direkt durch die Nasenlöcher eingegangen. Durch die Nasennebenhöhlen wird der Tumor an der Schädelbasis erreicht, und es wird nur der Tumor entfernt, ohne das umliegende gesunde Hirngewebe zu schädigen.
Die größten Vorteile dieser Methode sind, dass von außen keine Operationsnarbe sichtbar ist, der Krankenhausaufenthalt sehr kurz ist und der Patient rasch in seinen Alltag zurückkehren kann.
In dem Moment, in dem der Tumor entfernt wird, beginnen die Wachstumshormonspiegel rapide zu sinken. Die Schwellungen in den Weichteilen (die Ödeme an Händen und im Gesicht) gehen innerhalb von Wochen sichtbar zurück, und die Schlafapnoe sowie die Kopfschmerzen bessern sich. Auch wenn die strukturellen Veränderungen an den Knochen nicht rückgängig gemacht werden, werden das Fortschreiten der Krankheit und der Schaden, den sie an den inneren Organen anrichtet, vollständig gestoppt.
Denken Sie daran: Hören Sie auf die Signale, die Ihr Körper Ihnen zuflüstert. Betrachten Sie das Gesicht im Spiegel erneut und vergleichen Sie es mit Ihren alten Fotos. Mit einem gesunden, komfortablen Leben durch frühzeitige Wahrnehmung und einen fachkundigen chirurgischen Eingriff zu beginnen, liegt in Ihrer Hand.
Ich wünsche Ihnen gesunde Tage.
Prof. Dr. Mehmet Şenoğlu Facharzt für Gehirn- und Nervenchirurgie, İzmir