Die Abbreviated Injury Scale ist ein international anerkanntes anatomisches Verletzungsklassifikationssystem, das zur standardisierten Beschreibung und Kodierung von Traumaverletzungen entwickelt wurde. Es wurde 1969 erstmals von der American Medical Association eingeführt und seitdem mehrfach überarbeitet. Die aktuell gültige Version ist AIS 2015 (revidiert 2008).
Bewertungsstruktur
Jede einzelne Verletzung erhält einen AIS-Code auf einer Skala von 1 bis 6:
| AIS-Score | Schweregrad | Beispiel |
|---|---|---|
| 1 | Leicht | Oberflächliche Schürfwunde |
| 2 | Mäßig | Einfache Fraktur |
| 3 | Schwer (nicht lebensbedrohlich) | Offene Femurfraktur |
| 4 | Ernst (lebensbedrohlich) | Milzruptur |
| 5 | Kritisch (Überleben ungewiss) | Hirnstammverletzung |
| 6 | Nicht überlebbar | Aortenruptur |
Körperregionen
Der AIS kodiert Verletzungen in 9 anatomischen Regionen: Kopf, Gesicht, Hals, Thorax, Abdomen, Wirbelsäule, obere Extremität, untere Extremität und äußere Körperoberfläche. Jeder Verletzung wird ein eindeutiger 7-stelliger AIS-Code zugewiesen, der die Körperregion, die Art der anatomischen Struktur und die spezifische Verletzung verschlüsselt.
Klinische Bedeutung
Der AIS wird selten isoliert eingesetzt. Seine eigentliche Stärke liegt in den daraus abgeleiteten zusammengesetzten Scores:
Der ISS (Injury Severity Score) summiert die quadrierten höchsten AIS-Werte der drei am schwersten verletzten Körperregionen. Er ist der weltweit am häufigsten verwendete Traumaschwere-Index und korreliert mit Mortalität, Krankenhausverweildauer und Rehabilitationsergebnissen.
Der MAIS (Maximum AIS) erfasst den höchsten einzelnen AIS-Wert über alle Verletzungen hinweg und ist besonders nützlich zur Mortalitätsvorhersage bei Einzelregion-Traumata.
Der NISS (New ISS) ist eine Weiterentwicklung des ISS, bei der die drei höchsten AIS-Werte unabhängig von der Körperregion summiert werden. Dies macht ihn empfindlicher bei Patienten mit mehreren Verletzungen in derselben Region.
Anwendungsgebiete
Der AIS bildet die Grundlage der meisten modernen Traumaregister und ist in Systemen wie der National Trauma Data Bank (NTDB) und dem britischen Trauma Audit and Research Network (TARN) verpflichtend vorgeschrieben. Darüber hinaus ist er das Fundament der Fahrzeugsicherheitsforschung, des Krankenhausleistungsvergleichs, medizinrechtlicher Gutachten sowie epidemiologischer Studien zur Verletzungslast.
Einschränkungen
Der AIS ist eine rein anatomische Skala — er berücksichtigt weder Alter, Vorerkrankungen, die physiologische Reaktion auf das Trauma noch Behandlungseffekte. Zwei Patienten mit identischen AIS-Werten können sehr unterschiedliche Verläufe nehmen. Aus diesem Grund werden AIS-basierte Scores in der Praxis häufig mit physiologischen Scores wie dem Revised Trauma Score (RTS) kombiniert, etwa im TRISS-Modell, um die Genauigkeit der Outcome-Vorhersage zu verbessern.