„Welches ist das beste Epilepsie-Medikament?“ ist eine der Fragen, die mir in meiner Sprechstunde am häufigsten begegnen. Ich muss jedoch von vornherein sagen, dass es auf diese Frage keine einzige Antwort gibt. In der Epilepsiebehandlung ist das Konzept des „besten Medikaments“ eine vollständig zu individualisierende Entscheidung, die sich nach dem Anfallstyp des Patienten, dem Alter, dem Geschlecht, den Begleiterkrankungen und sogar der Lebensweise richtet.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit etwa 50 Millionen Menschen mit Epilepsie. Während die große Mehrheit der Patienten mit einer geeigneten medikamentösen Behandlung ein anfallsfreies Leben führen kann, kann etwa 30 Prozent das Bild einer medikamentenresistenten Epilepsie aufweisen. In diesem Artikel werde ich auf Grundlage meiner Erfahrungen in der neurologischen Praxis die aktuellen Medikamentenoptionen in der Epilepsiebehandlung, die je nach Anfallstyp bevorzugten Medikamente sowie die in der Behandlung häufig gemachten Fehler erörtern.
Wie wirkt ein Epilepsie-Medikament?
Antiepileptika (AED) versuchen, das Ungleichgewicht zwischen den erregenden und hemmenden Systemen im Gehirn zu regulieren. Diese Medikamente wirken grundsätzlich auf zwei Wegen: erstens, indem sie die Ionenkanäle (Natrium, Kalzium, Kalium) in den Nervenzellen beeinflussen und so die elektrische Aktivität regulieren; zweitens, indem sie die Neurotransmittersysteme (insbesondere GABA und Glutamat) modulieren und so die übermäßige Erregung unterdrücken.
Hier ist ein entscheidender Punkt hervorzuheben: Antiepileptika „heilen“ die Epilepsie nicht, sie verhindern Anfälle. Das heißt, diese Medikamente beseitigen nicht den zugrunde liegenden Epilepsieprozess, sondern erschweren das Auftreten von Anfällen, indem sie die Anfallsschwelle erhöhen. Aus diesem Grund sind die regelmäßige Einnahme der Medikamente und das Nichtabsetzen ohne ärztliche Zustimmung von lebenswichtiger Bedeutung.
Medikamentenwahl je nach Anfallstyp
Bei fokalen (partiellen) Anfällen bevorzugte Medikamente
Fokale Anfälle sind Anfälle, die in einer bestimmten Region des Gehirns beginnen. Bei diesem Anfallstyp stehen nach den aktuellen Leitlinien in der Erstlinientherapie Carbamazepin, Levetiracetam und Lamotrigin im Vordergrund. Von den Medikamenten der neueren Generation ist Lacosamid, das über einen anderen Natriumkanalmechanismus wirkt, besonders in den letzten Jahren zu einer zunehmend bevorzugten klinischen Wahl geworden.
Cenobamat hingegen ist ein seit den 2020er Jahren bemerkenswertes neues Molekül in der fokalen Epilepsie. In durchgeführten Studien wurde berichtet, dass es bei fokal beginnenden Anfällen eine hohe Wirksamkeit zeigt.
Bei generalisierten (ausgedehnten) Anfällen bevorzugte Medikamente
Bei generalisierten Anfällen, die das gesamte Gehirn betreffen, gilt Valproinsäure aufgrund ihrer breitbandigen Wirkung seit vielen Jahren als Goldstandard. Bei Absence-Anfällen steht Ethosuximid im Vordergrund, bei myoklonischen Anfällen wiederum Valproinsäure und Levetiracetam.
Wichtiger Hinweis: Einige Medikamente wie Carbamazepin und Phenytoin können bei bestimmten Untertypen der generalisierten Epilepsien die Anfälle verstärken. Aus diesem Grund ist die korrekte Klassifizierung des Anfallstyps der kritischste Schritt bei der Medikamentenwahl.
Medikamentenwahl bei Frauen und in der Schwangerschaft
Bei Frauen im gebärfähigen Alter unterliegt die Anwendung von Valproinsäure wegen ihres teratogenen Risikos (Geburtsfehler) erheblichen Einschränkungen. In dieser Patientengruppe werden Lamotrigin und Levetiracetam mit ihren sichereren Profilen bevorzugt. Jede Epilepsiepatientin mit Schwangerschaftsplänen muss ihre Behandlung unbedingt mit einem Facharzt für Neurologie überprüfen.
Alte Generation oder neue Generation?
Epilepsie-Medikamente werden im Allgemeinen in alte und neue Generation eingeteilt. Während ältere Medikamente wie Phenobarbital (das erste Antikonvulsivum, seit 1912 in Verwendung) und Phenytoin noch immer einen Platz in der klinischen Praxis finden, bieten die ab den 1990er Jahren auf den Markt gekommenen Medikamente der neuen Generation (Lamotrigin, Levetiracetam, Lacosamid, Brivaracetam, Perampanel usw.) im Allgemeinen den Vorteil geringerer Wechselwirkungen und besserer Verträglichkeit.
Allerdings ist „neu = besser“ nicht immer richtig. Manche alten Medikamente können bei bestimmten Epilepsiesyndromen noch immer die wirksamste Option sein. Wichtig ist nicht das Alter des Medikaments, sondern seine Eignung für den Patienten.
5 häufige Fehler in der medikamentösen Behandlung
Das Medikament eigenmächtig absetzen: Selbst wenn Anfallsfreiheit erreicht wird, kann das abrupte Absetzen des Medikaments zu langanhaltenden Anfallskrisen führen, die als Status epilepticus bezeichnet werden und lebensbedrohlich sein können.
Dosen auslassen: Eine unregelmäßige Medikamenteneinnahme führt zu Schwankungen im Blutspiegel und beeinträchtigt die Anfallskontrolle.
Das Medikament zugunsten der Alternativmedizin absetzen: Pflanzliche Behandlungen oder alternative Methoden haben keine nachgewiesene Wirksamkeit in der Epilepsiebehandlung.
Dem Arzt die Nebenwirkungen nicht mitteilen: Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Gleichgewichtsstörungen und Hautausschlag können eine Änderung der Behandlung erfordern; sie nicht zu melden, senkt den Erfolg der Behandlung.
Der Gedanke „Was bei allen wirkt, wirkt auch bei mir“: Ein Medikament, das bei einem anderen Patienten wirkt, kann bei Ihnen die gegenteilige Wirkung haben. Die Behandlung muss unbedingt individualisiert werden.
Was wird getan, wenn die medikamentöse Behandlung nicht ausreicht?
Bei etwa 70 Prozent der Patienten kann mit einem einzigen Medikament eine Anfallskontrolle erreicht werden. Wenn die Anfälle jedoch trotz des Versuchs von zwei oder mehr geeigneten Medikamenten fortbestehen, kommt die Diagnose einer „medikamentenresistenten Epilepsie“ ins Spiel. In diesem Fall sind folgende Optionen zu prüfen:
Epilepsiechirurgie: Wenn die Hirnregion, von der der Anfall ausgeht, identifiziert werden kann und diese Region keine kritische Funktion trägt, kann ein chirurgischer Eingriff in Betracht gezogen werden. Bei geeigneten Patienten kann die Erfolgsrate bis zu 80 Prozent erreichen.
Vagusnervstimulation (VNS): Mit einem kleinen, im Brustkorb platzierten Gerät wird durch Stimulation des Vagusnervs eine Verringerung der Anfallshäufigkeit angestrebt.
Ketogene Diät: Besonders bei Epilepsien im Kindesalter kann diese fettreiche, kohlenhydratarme Diät als unterstützende Behandlung eingesetzt werden. Sie muss jedoch unbedingt unter fachärztlicher Kontrolle angewendet werden.
Neuromodulationsverfahren: Es werden neue Technologien entwickelt, die durch das Senden niederintensiver elektrischer Reize an das Gehirn den Anfallsbeginn verhindern sollen.
Wann wird die Medikation in der Behandlung abgesetzt?
Als allgemeine Regel kann nach mindestens 2–4 anfallsfreien Jahren und mit der Normalisierung der EEG-Befunde eine schrittweise Reduzierung des Medikaments geplant werden. Die Entscheidung zum Absetzen des Medikaments sollte unter Berücksichtigung der Epilepsieart des Patienten, der Anfallsanamnese und der individuellen Risikofaktoren getroffen werden. Bei einigen Epilepsietypen kann eine lebenslange Medikamenteneinnahme erforderlich sein.
Was auf keinen Fall getan werden darf: das Medikament ohne ärztliche Zustimmung abrupt absetzen oder die Dosis verändern.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das „beste Epilepsie-Medikament“ für jeden Patienten unterschiedlich ist. Die korrekte Bestimmung des Anfallstyps, die Beurteilung der individuellen Eigenschaften des Patienten und die regelmäßige Nachsorge der Behandlung sind die Grundpfeiler eines erfolgreichen Epilepsiemanagements. Epilepsie ist keine Krankheit, vor der man sich fürchten oder die man verbergen müsste; mit der richtigen Behandlung kann die große Mehrheit der Patienten ihr normales Leben fortsetzen.
Wenn Sie Anfälle haben oder Fragen zu Ihrer Behandlung haben, sollten Sie unbedingt einen Facharzt für Neurologie aufsuchen.
Autor: Prof. Dr. Mehmet Şenoğlu
Quellen:
Türkische Neurologische Gesellschaft, Leitlinien zur Diagnose und Behandlung von Epilepsie, 2021
ILAE (Internationale Liga gegen Epilepsie) Leitlinien
Epilepsie-Daten der Weltgesundheitsorganisation
Haftungsausschluss: Dieser Artikel wurde zu allgemeinen Informationszwecken erstellt und stellt keine persönliche medizinische Beratung dar; alle Entscheidungen bezüglich der Epilepsiebehandlung müssen von einem Facharzt für Neurologie getroffen werden.