Abt-Letterer-Siwe-Krankheit

Die Abt-Letterer-Siwe-Krankheit ist die aggressivste und akuteste Form der Langerhans-Zell-Histiozytose (LZH). Es handelt sich um eine multisystemische, rasch progrediente histiozytäre Erkrankung, die vorwiegend Säuglinge und Kleinkinder unter 2 Jahren betrifft. Die Krankheit trägt den Namen dreier Forscher, die sie unabhängig voneinander beschrieben haben: Arthur Abt, Erich Letterer und Sture Siwe.

Pathogenese

Die Erkrankung geht von klonalen Langerhans-Zellen aus, die sich abnorm vermehren und in mehrere Organe infiltrieren. Diese Zellen sind normalerweise antigenpräsentierende dendritische Zellen der Haut und Schleimhäute. Obwohl der genaue Mechanismus der fehlerhaften Proliferation noch nicht vollständig geklärt ist, wird in der Mehrzahl der Fälle die BRAF-V600E-Mutation nachgewiesen. Dieser Befund legt nahe, dass es sich bei der Erkrankung eher um einen neoplastischen als um einen rein reaktiven Prozess handelt.

Klinisches Bild

Die Abt-Letterer-Siwe-Krankheit manifestiert sich typischerweise mit multisystemischer Beteiligung und zeigt einen rasch progredienten Verlauf.

Hautbeteiligung ist der häufigste und früheste Befund. Die Läsionen ähneln einer seborrhoischen Dermatitis und erscheinen als fettige, erythematöse, petechiale oder purpurische Papeln, die vorwiegend an der behaarten Kopfhaut, retroaurikulär und am Rumpf auftreten.

Leber- und Milzbeteiligung führt zu Hepatosplenomegalie, Leberversagen, Hypoalbuminämie und Koagulopathie.

Knochenmarkinfiltration resultiert in einer Panzytopenie mit gleichzeitig auftretender Anämie, Thrombozytopenie und Neutropenie.

Pulmonale Beteiligung äußert sich in interstitiellen Infiltraten, Zysten und Pneumothorax und kann in schweren Fällen zu einem Atemversagen fortschreiten.

Lymphknotenbeteiligung verursacht eine generalisierte Lymphadenopathie.

Ossäre Läsionen zeigen sich als osteolytische Defekte, wenngleich eine isolierte Knochenbeteiligung bei dieser Form im Vergleich zu anderen LZH-Subtypen weniger charakteristisch ist.

Diagnose

Die Diagnose erfordert eine Biopsie mit histopathologischer Bestätigung. Die diagnostischen Kriterien umfassen folgende Befunde:

Lichtmikroskopisch zeigen sich die charakteristischen gekerbten, kaffeebohnenförmigen Kerne der Langerhans-Zellen sowie reichlich blasses Zytoplasma und gelegentlich eosinophile Granulozyten im Hintergrund.

Immunhistochemisch wird eine Positivität für CD1a, CD207 (Langerin) und S-100 nachgewiesen. Die Positivität für CD1a und Langerin gilt in der heutigen Praxis als ausreichend zur Diagnosebestätigung.

Elektronenmikroskopisch lassen sich Birbeck-Granula nachweisen — tennisschlägerförmige zytoplasmatische Organellen, die pathognomonisch für Langerhans-Zellen sind — obwohl dies angesichts der weiten Verfügbarkeit der Langerin-Immunhistochemie nicht mehr als zwingend erforderlich gilt.

BRAF-V600E-Mutationsanalyse ist sowohl zur diagnostischen Bestätigung als auch zur Therapieplanung in die Standardpraxis eingegangen.

Behandlung

Die Erkrankung erfordert eine systemische Chemotherapie. Die aktuellen Standardprotokolle umfassen folgende Optionen:

Vinblastin und Prednisolon in Kombination bilden die Erstlinientherapie und werden im Rahmen der internationalen Protokolle LCH-III und LCH-IV verabreicht.

Cytarabin und Cladribin (2-CDA) in Kombination werden bei Fällen mit zentralnervöser Beteiligung oder bei Patienten eingesetzt, die auf die Erstlinientherapie nicht ansprechen.

BRAF-Inhibitoren (Vemurafenib, Dabrafenib) haben bei BRAF-V600E-positiven refraktären Fällen vielversprechende Ergebnisse gezeigt und werden im Rahmen laufender klinischer Studien zunehmend in die Praxis integriert.

Allogene hämatopoetische Stammzelltransplantation wird bei Hochrisiko-, Rezidiv- oder refraktären Fällen erwogen, bei denen die konventionelle Chemotherapie versagt hat.

Prognose

Die Prognose variiert erheblich je nach Risikogruppe und Therapieansprechen. Die Mortalität bleibt bei Fällen mit Beteiligung von Risikoorganen — namentlich Leber, Milz und Knochenmark — weiterhin hoch. Bei Patienten, die auf die Behandlung ansprechen, können langfristig Folgeschäden wie Diabetes insipidus, Neurodegeneration und Wachstumsretardierung auftreten. Dank Frühdiagnose und moderner Therapieprotokolle haben sich die Fünfjahresüberlebensraten im vergangenen Jahrzehnt deutlich verbessert.